Mit Blaulicht durch Afghanistan — Claus Haase

Epilog Bohnert
Oberstleutnant im Generalstab

Vorwort von Marcel Bohnert, Oberstleutnant im Generalstabsdienst — Berlin, Januar 2027.

Epilog

Saina bleibt neun Jahre alt.
Heimkehr ohne Rückkehr.

von Marcel Bohnert

Das Funkgerät knackt. Ein schwer verletzter Mensch liegt am Main Gate. Innerhalb weniger Sekunden ist es vorbei mit der Ruhe eines heißen Tages in Camp Warehouse. Claus Haase greift nach seiner Waffe, springt in den gepanzerten Fuchs und rast gemeinsam mit seinem Kameraden unter Blaulicht durch das Feldlager. Der schwere Motor übertönt beinahe das Martinshorn. Staub wirbelt hinter dem Fahrzeug auf. Wenige Minuten später stehen die beiden am Tor.

Dort wartet kein verwundeter Soldat. Kein Opfer eines Anschlags. Kein Kamerad, der unter Feuer geraten ist. Dort liegt ein Kind.

In einem einfachen afghanischen Krankenwagen, kaum mehr als ein Toyota-Kastenwagen mit rotem Halbmond und einigen Verbandstoffen, liegt ein bewusstloses Mädchen. Die beiden afghanischen Sanitäter sind bereits seit Stunden mit ihm unterwegs. Sie wissen, dass sie an ihre Grenzen gekommen sind. Wenn dieses Kind überhaupt noch eine Chance hat, dann im Feldlazarett der internationalen Truppen. Claus Haase schätzt das Mädchen auf neun Jahre. Ihren wirklichen Namen wird er nie erfahren. In diesem Buch nennt er sie Saina.

Ihre Verletzungen sind verheerend. Schädel, Becken, Oberschenkel. Für einen erfahrenen Rettungsassistenten ist mit einem Blick klar, dass jede Minute zählt. Claus übernimmt die Patientin. Von diesem Augenblick an ist sie für ihn nicht mehr irgendein afghanisches Kind. Sie ist seine Patientin. Wieder Blaulicht. Wieder Martinshorn. Höchste Priorität. Während der Fahrt betet er darum, dass dieses kleine Mädchen nicht stirbt.

Im Krankenhaus erwartet ihn dann eine Frage, die sich mehr als zwei Jahrzehnte später noch immer durch seine Gedanken frisst: War das Fahrzeug, das Saina angefahren hatte, ein ISAF-Fahrzeug? Claus versteht die Bedeutung dieser Frage nicht. Jedenfalls nicht in diesem Moment. Vor ihm liegt ein sterbendes Kind. Für ihn gibt es keine Zuständigkeiten, Nationalitäten und Einsatzregeln mehr. Er trägt das Rote Kreuz am Arm. Menschlichkeit und Unparteilichkeit sind für ihn keine abstrakten Begriffe aus einer Vorschrift. Sie sind der Kern dessen, weshalb er überhaupt Sanitäter geworden ist.

Die Situation eskaliert. Claus greift an sein Holster. Er löst den Sicherungsriemen und beginnt langsam, seine Pistole zu ziehen. Jahrzehnte später versucht er diese Szene in seinem Buch nicht zu beschönigen. Er behauptet nicht, alles sei nur ein Missverständnis gewesen. Er schreibt, dass er den Arzt mit der Waffe zur Behandlung des Kindes zwingen wollte. Er weiß heute, dass dies eine massive moralische, militärische und rechtliche Grenzüberschreitung gewesen wäre. Damals war ihm das in diesem Augenblick egal. Er sah nur Saina.

Dann legt sich eine Hand auf seine. Sein Zugführer steht hinter ihm. Kein Anschreien. Keine öffentliche Maßregelung. Keine hektische Bewegung. Der junge Offizier führt die Hand seines aufgebrachten Sanitäters zurück zum Holster, holt ihn aus der Situation und nimmt ihn mit. Eine unspektakuläre Führungsleistung von vielleicht wenigen Sekunden, die ein ganzes weiteres Leben verändert haben dürfte. Claus schreibt heute, sein Zugführer habe damals nicht nur die anderen geschützt, sondern auch ihn selbst. Saina wird behandelt. Etwa drei Stunden später ist sie tot.

Claus Haase fliegt irgendwann zurück nach Deutschland. Er arbeitet weiter im Rettungsdienst. Er gründet eine Familie. Er wechselt den Beruf. Das Leben nimmt seinen Lauf. Afghanistan wird zu einem Abschnitt seiner Biografie. Zu einem Einsatz, über den man erzählen kann. Von den Kameraden, der Transall, den merkwürdigen Funkrufnamen, vom „Honigsauger", vom „kanadischen Müllwagen-Surfer" und von all den absurden Situationen, die wahrscheinlich jeder Einsatzveteran kennt. Es sind häufig diese Geschichten, die zuerst erzählt werden. Sie funktionieren am Stammtisch. Sie bringen Menschen zum Lachen. Und manchmal schützen sie diejenigen, die sie erzählen, davor, über andere Geschichten sprechen zu müssen.

Auch dieses Buch ist deshalb kein düsteres Protokoll des Leidens. Es erzählt auch von Kameradschaft, Improvisation, soldatischem Humor und einem Rettungsassistenten, der sich mit erstaunlicher Begeisterung in eine fremde militärische Welt hineinarbeitet. Claus wird beschossen, entgeht nur knapp einer Minensprengung und steht einmal mehr als eine halbe Stunde allein auf einem Marktplatz in Kabul. Es hätte also genügend Gründe gegeben, weshalb ihn Afghanistan später nicht mehr loslassen könnte. Doch wenn er nach mehr als zwei Jahrzehnten beschreibt, was geblieben ist, sind es nicht die Schüsse, die Mine oder die eigene Todesangst. Es ist ein Name. Saina. Neun Jahre alt. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Wucht dieses Buches.

Für die deutsche Öffentlichkeit waren die Ereignisse in Afghanistan über viele Jahre hinweg beiläufige Nachrichten. Einige von ihnen schafften es auf die Titelseiten, andere nur in wenige Zeilen. Tote, Verwundete, Anschläge, Raketenbeschuss. Dann kamen neue Meldungen, neue Krisen und neue Bilder. Schon im Frühjahr 2004 berichteten deutsche Medien aus Camp Warehouse. Das dortige Feldlazarett galt unter Afghanen als das beste Krankenhaus Kabuls. Verletzte und Erkrankte wurden vor den Toren abgesetzt, Hunderte suchten medizinische Hilfe bei den internationalen Truppen. In einer Reportage wurde beiläufig von einem kleinen Mädchen mit gebrochenem Arm berichtet, das eingeliefert und versorgt wurde. Ein paar Sätze in einer Zeitung. Am nächsten Tag standen andere Geschichten darin.

Was in der öffentlichen Chronik eines zwanzigjährigen Einsatzes überhaupt keine erkennbare Spur hinterlassen muss, kann sich unauslöschlich in die Biografie eines einzelnen Menschen eingraben. Ein afghanisches Mädchen stirbt. Ein deutscher Sanitäter kehrt nach Hause zurück. Die Welt dreht sich weiter. Nur in ihm nicht alles.

Mehr als 23 Jahre lang glaubt Claus, Afghanistan hinter sich gelassen zu haben. Er funktioniert. Gerade dieses Wort begegnet uns bei Einsatzveteranen immer wieder. Funktionieren. Im Einsatz ist es eine Notwendigkeit. Wer unter Druck handelt, darf nicht jedes Erlebnis sofort emotional ausbuchstabieren. Der nächste Auftrag wartet. Der nächste Patient braucht Hilfe. Man konzentriert sich auf Atmung, Kreislauf, Verletzungsmuster und Zeit. Gefühle werden zunächst beiseitegeschoben. So beschreibt Claus es selbst. Das Problem beginnt, wenn aus dem „zunächst" Jahrzehnte werden.

Als Claus viele Jahre später in seinem zivilen Berufsleben an die Grenzen seiner Belastbarkeit gerät, brechen Erinnerungen auf, die er längst für abgelegt hielt. Saina kehrt zurück. Nicht als historisches Bild eines Einsatzes im Jahr 2004. Sie stirbt in seinen Träumen wieder. Und wieder. Die Fahrt im Fuchs, das Krankenhaus, die Diskussion, die Pistole, das Mädchen. Nacht für Nacht. Er hatte geglaubt, Afghanistan liege hinter ihm. In Wahrheit hatte Afghanistan all die Jahre in ihm weitergelebt.

Diese Geschichte ist auch deshalb so wichtig, weil sie mit einer noch immer verbreiteten Vorstellung aufräumt: Heimkehr bedeutet nicht zwangsläufig Rückkehr. Der militärische Einsatz endet mit einem Befehl. Die persönliche Verarbeitung hält sich an keinen Einsatzbefehl, keinen Kontingentwechsel und keinen Flugplan.

Ich kenne Afghanistan aus meinem eigenen Einsatz als Chef einer Kampfeinheit. Ich weiß, wie schnell sich außergewöhnliche Zustände normalisieren können. Schüsse, Alarmierungen, Waffen, Schutzwesten, Abschiede und Gefahren werden Teil eines Alltags, der außerhalb des Einsatzgebietes kaum vermittelbar ist. Und ich kenne das eigentümliche Gefühl, Jahre später Menschen gegenüberzusitzen, für die Afghanistan vor allem ein Kapitel deutscher Außen- und Sicherheitspolitik ist. Für viele von uns ist es zugleich ein Stück der eigenen Biografie. Ein Stück, das nicht einfach verschwindet.

Veteraninnen und Veteranen sprechen deshalb mitunter von mehreren Kriegen. Der erste ist der tatsächliche Einsatz. Der zweite beginnt im Kopf, wenn Erinnerungen, Schuldfragen, Verlust und nicht verarbeitete Erlebnisse weiterkämpfen, obwohl längst keine Schüsse mehr fallen. In der Veteranenarbeit ist inzwischen zudem noch vom „dritten Krieg" die Rede: Dann, wenn Betroffene nach dem Krieg und dem Krieg im Kopf auch noch um Anerkennung, Versorgung oder Unterstützung kämpfen müssen. Ein NDR-Bericht hat diesen Begriff 2025 aufgegriffen und sehr treffend beschrieben: Krieg gegen den Gegner, Krieg im Kopf, Verwaltungskrieg. Claus' Geschichte handelt vor allem von diesem zweiten Krieg. Und sie sollte uns eine Mahnung sein, den dritten zu verhindern. Denn psychische Verwundungen haben eine tückische Eigenschaft: Man kann sie nicht an einer Prothese erkennen. Sie hinterlassen keine Narbe im Gesicht und kein fehlendes Körperteil. Ein Mensch kann arbeiten, lachen, heiraten, Kinder großziehen und für sein Umfeld vollkommen unauffällig wirken. Claus hielt sein Funktionieren selbst lange für den Beweis, dass er Afghanistan besser verarbeitet hatte als ein ehemaliger Kamerad, der bereits Jahre zuvor an einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung erkrankt und arbeitsunfähig geworden war. Erst später erkennt er, dass er seine Erfahrungen nicht verarbeitet, sondern weggeschlossen hatte.

Seine Geschichte ist keine über Schwäche. Es ist eine Geschichte über die enorme Kraft von Erinnerungen. Und vielleicht auch darüber, wie falsch unser über Jahrzehnte tradiertes Bild von soldatischer Stärke war. Stärke bedeutet nicht, dass einen nichts berührt. Professionalität bedeutet nicht emotionale Unverwundbarkeit. Ein Mensch verliert nicht seine soldatische Haltung, weil ihn das Gesicht eines toten Kindes noch Jahrzehnte später verfolgt. Im Gegenteil: Gerade dass Claus dieses Mädchen nie zur anonymen statistischen Größe werden ließ, sagt viel über den Sanitäter aus, der er sein wollte. Für eine Einsatzstatistik hätte Saina ein afghanisches Unfallopfer sein können. Für Claus war sie ein Mensch. Seine Patientin. Darin liegt für mich eine der stärksten Botschaften dieses Buches.

Sie passt zu der Idee, die sich wie ein roter Faden durch seine Erzählung zieht: Vor einem Sanitäter sollte ein verwundeter Mensch zunächst einmal Mensch sein. Herkunft, Religion und Uniform treten in diesem Augenblick zurück. Diese Überzeugung bringt Claus in Afghanistan beinahe selbst zu Fall. Aber sie erklärt zugleich, weshalb ihn gerade Sainas Tod so tief getroffen hat. Er hatte gelernt, dass medizinische Professionalität manchmal nicht ausreicht, um ein Leben zu retten. Schwerer zu akzeptieren war für ihn offenbar das Gefühl, dass möglicherweise nicht alles versucht worden sein könnte. Ob Saina bei sofortiger Behandlung hätte überleben können, wissen wir nicht. Claus weiß es ebenfalls nicht. Diese Unsicherheit muss stehenbleiben. Und genau sie bleibt.

Mehr als zwei Jahrzehnte später kann er mit seinem Verstand sagen, dass er keine Schuld an ihrem Tod trägt. Er hat das Mädchen nicht angefahren. Er hat sie nicht im Stich gelassen. Er hat gekämpft, diskutiert und alles getan, was in seiner Macht stand. Sein Verstand weiß das. Seine Erinnerung folgt einer anderen Logik. Auf den letzten Seiten dieses Buches beschreibt er, dass Saina in seinen Träumen noch immer neun Jahre alt ist. Für ihn sind 23 Jahre vergangen. Für sie ist die Zeit stehengeblieben. Er bittet seine Leserinnen und Leser deshalb darum, nach der letzten Seite nicht zuerst an ihn zu denken. Sondern an Saina.

Ich glaube, wir sollten diese Bitte ernst nehmen. Aber wir sollten noch etwas anderes tun. Wir sollten auch an diejenigen denken, die solche Geschichten mit nach Hause gebracht haben. Die Männer und Frauen der „Generation Einsatz", von denen viele gelernt haben, über Gefahren zu lachen, Belastungen herunterzuspielen und ihre Verwundungen hinter Professionalität zu verbergen. Sie haben im Auftrag unseres Parlaments gedient. Ihre Verantwortung endete nicht an den Grenzen Deutschlands. Unsere Verantwortung ihnen gegenüber darf deshalb auch nicht am Flughafen Köln-Wahn enden.

Dabei gibt es Grund zur Zuversicht. Deutschland hat in den vergangenen Jahren Schritte vollzogen, die lange überfällig waren. Seit 2024 gibt es mit dem Veteranenbüro der Bundeswehr eine zentrale Anlaufstelle. Der Deutsche Bundestag hat den 15. Juni mit sehr breiter Mehrheit zum Nationalen Veteranentag erklärt und dabei ausdrücklich auch eine Verbesserung der Versorgung von Veteraninnen, Veteranen und ihren Familien eingefordert. 2025 wurde der Tag erstmals bundesweit begangen. 2026 folgten rund 200 Veranstaltungen in einer ganzen Veteranenwoche. Veteraninnen und Veteranen werden sichtbarer. Die Debatte um die ein Verwundetenabzeichens nimmt Fahrt auf. Familien werden einbezogen. Und langsam entsteht in unserem Land eine Kultur, in der über Dienst und Einsatzfolgen offener gesprochen werden kann. Wir sind sicher noch nicht am Ziel. Aber auf dem richtigen Weg.

Bücher wie dieses tragen dazu bei. Sie ergänzen Einsatzberichte, Parlamentsdrucksachen und militärische Chroniken um etwas, das in keiner Statistik vollständig erfasst werden kann: die menschliche Erfahrung. Claus Haase erzählt nicht nur, was in Afghanistan geschah. Er zeigt, was Afghanistan mit einem Menschen machen kann. Wie ein einziger Augenblick einen Lebensweg über Jahrzehnte begleiten kann. Und wie weit der Schatten eines Krieges reichen kann, selbst wenn derjenige, der ihn trägt, längst wieder mitten in unserer Gesellschaft lebt.

Vielleicht liegt darin auch die größte Hoffnung dieses Buches. Claus schweigt nicht mehr. Er wendet sich an einen Veteranenverband, nimmt therapeutische Hilfe an. Er beginnt, Worte für etwas zu finden, das über Jahrzehnte wortlos in ihm gearbeitet hat. Das Geschehene lässt sich dadurch nicht ungeschehen machen. Saina kommt nicht zurück. Aber die Erinnerung muss nicht zwangsläufig eine schwere Last bleiben. Sie kann erzählt, geteilt und vielleicht irgendwann besser in die eigene Lebensgeschichte eingeordnet werden.

Genau deshalb wünsche ich diesem Buch viele Leserinnen und Leser. Lesen Sie es nicht unbedingt als Heldengeschichte. Claus selbst will keine erzählen. Lesen Sie es vor allem als Geschichte eines Sanitäters, eines Soldaten und eines Menschen, der helfen wollte. Lachen Sie über die absurden Seiten des Einsatzalltages. Erschrecken Sie über seine Grenzerfahrungen. Und nehmen Sie sich Zeit für die Stellen, an denen es unbequem wird. Vor allem aber: Hören Sie ihm zu. Denn manchmal endet ein Krieg erst sehr viel später, als es in unseren Geschichtsbüchern steht. Und manchmal beginnt der Weg zurück genau in dem Augenblick, in dem ein Mensch endlich darüber spricht.

Marcel Bohnert

Oberstleutnant im Generalstabsdienst

Berlin, Januar 2027

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