Es war einer jener Tage, an denen Afghanistan schon am Vormittag jede Erinnerung daran auslöschte, dass Luft auch kühl sein konnte.
Über Camp Warehouse stand ein beinahe farbloser, ausgewaschener Himmel. Keine Wolke zog über das Lager. Die Sonne brannte senkrecht auf die Container, Zelte und Fahrzeuge herab und hatte die Metallflächen längst so stark aufgeheizt, dass man die Hand nicht länger darauf liegen lassen wollte.
Der Staub war überall.
Er lag auf den Stiefeln, in den Falten der Uniformen und auf den Fahrzeugen. Er setzte sich in die Haare, knirschte zwischen den Zähnen und verband sich auf der Haut mit dem Schweiß zu einem dünnen Film. Wer länger draußen stand, spürte irgendwann das Salz auf den Lippen.
Claus kannte diese Hitze inzwischen.
Das bedeutete nicht, dass sein Körper sich an sie gewöhnt hatte.
Unter der Uniform staute sich die Wärme. Der Stoff klebte am Rücken. Jede unnötige Bewegung kostete Kraft, und selbst das Atmen schien manchmal mehr Arbeit zu machen als zu Hause in Deutschland.
An diesem Tag hatte Claus allerdings Glück.
Zumindest glaubte er das noch.
Der BAT war für die medizinische Versorgung innerhalb von Camp Warehouse eingeteilt. Unter den Sanitätern hieß dieser Dienst scherzhaft der „Camp-Notarztwagen". Keine Patrouille draußen, keine Begleitung des Kampfmittelräumdienstes, kein vierundzwanzigstündiger Dienst im NATO-Hauptquartier und auch kein Quick Reaction Team, das innerhalb von zehn Minuten ausrücken musste.
Sie mussten lediglich in unmittelbarer Nähe ihres Fuchses bleiben.
Für Claus und Alex bedeutete das vor allem eines: Sie durften sich zumindest zeitweise in den Räumlichkeiten der MedEvac-Kompanie aufhalten und mussten nicht stundenlang neben dem aufgeheizten Panzerfahrzeug stehen.
Der Fuchs wartete draußen.
Sechzehn Tonnen Stahl, acht Räder, 320 PS.
Auf seiner Oberfläche hatte sich eine feine Schicht aus hellem afghanischem Staub gesammelt.
Drinnen herrschte jene eigentümliche Bereitschaftsruhe, die Soldaten schnell kennenlernen. Niemand war wirklich entspannt, obwohl augenscheinlich nichts geschah. Irgendwo standen Taschen, teilweise geöffnet, weil man im Alarmfall keine Zeit verlieren wollte. Ausrüstung lag so, dass eine Handbewegung genügte. Trinkflaschen standen herum. Irgendwo summte etwas elektrisch vor sich hin.
Und immer war dieses Funkgerät da.
Das Tetrapol.
Ungefähr so groß wie ein Walkie-Talkie und unscheinbar genug, dass ein Außenstehender kaum verstanden hätte, welche Macht dieses kleine Gerät über den Tagesablauf der Männer besaß.
Solange es schwieg, gehörte die Zeit ihnen.
Sobald es sprach, gehörte sie jemand anderem.
An diesem Nachmittag schwieg es.
Lange.
Es gab keinen Einsatz. Keine besonderen Vorkommnisse. Niemand brauchte den BAT.
Mit jeder weiteren ereignislosen Stunde schlich sich jenes gefährliche Gefühl ein, das jeder Rettungsdienstmitarbeiter kennt:
Heute passiert nichts mehr.
Vielleicht dachte Claus bereits daran, wie angenehm es wäre, diesen Dienst tatsächlich einmal ohne Notfall zu beenden.
Dann knackte das Funkgerät.
Nur ein kurzes Geräusch.
Doch Alex reagierte sofort.
„SWAT 1, hier RCC – kommen."
Seine Hand lag bereits am Tetrapol.
„Hier SWAT 1 – kommen."
Eine winzige Pause.
Dann kam die Stimme aus dem Lautsprecher.
„MedEvac, MedEvac! Blaulicht, Blaulicht! Schwer verletzte Person am Main Gate. Übernehmen Sie!"
Die Trägheit des heißen Nachmittags verschwand innerhalb einer Sekunde.
Alex war bereits in Bewegung.
Auch Claus stand auf.
Was eben noch herumgelegen hatte, bekam plötzlich Bedeutung. Ausrüstung wurde gegriffen, Taschen geschlossen oder einfach so mitgenommen, wie sie waren. Niemand räumte mehr etwas ordentlich weg. Dafür war später Zeit.
Claus griff nach seiner Waffe und zog sie aus dem Waffenständer.
Dann lief er nach draußen.
Die Hitze traf ihn wie beim Öffnen einer Backofentür.
Für einen Augenblick sog er die heiße, trockene Luft ein.
Draußen drehte sich bereits das Blaulicht auf dem Fuchs.
Blaues Licht zuckte über staubiges Metall.
Claus zog die Tür auf und stieg ein.
Noch bevor er richtig saß, ertönte das Martinshorn.
Tatüü.
Dann startete Alex den Motor.
Der Fuchs erwachte nicht einfach.
Er brüllte.
Das tiefe Dröhnen des schweren Dieselmotors erfüllte den Innenraum, ließ Metallteile vibrieren und verschluckte beinahe das Martinshorn.
Claus sah zu Alex.
„Hast du das Martinshorn wieder ausgeschaltet?"
Alex blickte nicht zu ihm.
„Nein. Das läuft weiter."
Für einen Sekundenbruchteil war Claus tatsächlich beeindruckt.
Dieses Martinshorn konnte man normalerweise aus großer Entfernung hören.
Und dieser verdammte Panzer war lauter.
Dann trat Alex aufs Gas.
Claus hatte seine Tür noch nicht richtig geschlossen.
Der schwere Fuchs setzte sich mit einer Gewalt in Bewegung, die nicht zu seiner Größe passen wollte.
Draußen wirbelten die Reifen den trockenen Boden auf.
Staub schoss hinter dem Fahrzeug hoch.
Camp Warehouse verschwand teilweise in einer hellbraunen Wolke.
Normalerweise galt hier Schrittgeschwindigkeit.
Heute nicht.
Alex gab alles.
Menschen am Fahrbahnrand drehten sich um. Einige blieben stehen, andere machten instinktiv Platz. Wer das Blaulicht sah, wusste, dass irgendwo im Lager gerade etwas passiert war.
Ein Soldat saß in einem Liegestuhl am Straßenrand und las. Vielleicht hatte er sich für einige Minuten aus dem militärischen Alltag gestohlen. Vielleicht war dieses Buch gerade sein kleines Stück Deutschland gewesen.
Dann hob er den Kopf.
Aus der Staubwolke kam ein sechzehn Tonnen schwerer Fuchs mit Blaulicht direkt auf ihn zu.
Das Buch flog zur Seite.
Der Mann sprang auf, packte den Liegestuhl und riss ihn aus dem Weg.
Sekunden später war der Fuchs vorbei.
Zurück blieb Staub.
Der Soldat stand mit seinem Stuhl in der Hand da und sah dem Fahrzeug hinterher.
Im Inneren des Fuchses bekam Claus davon kaum noch etwas mit.
Er suchte bereits nach dem Patienten.
Zwei Minuten später tauchte das Main Gate vor ihnen auf.
Alex bremste.
Claus blickte durch die Scheibe.
Unfallfahrzeug?
Verletzter?
Soldaten?
Nichts.
Nur ein weißer Kastenwagen stand vor dem geschlossenen Schlagbaum.
Ein Toyota.
Auf seine Seiten war ein roter Halbmond lackiert.
Ein afghanischer Krankenwagen.
Neben dem Fahrzeug standen zwei Soldaten der Afghan National Army. Beide trugen weiße Armbinden mit dem roten Halbmond.
Sie hatten gewartet.
Wie lange, wusste Claus nicht.
Was er ebenfalls noch nicht wusste:
In diesem unscheinbaren weißen Kastenwagen lag ein neunjähriges Mädchen.
Und dieses Mädchen würde ihn dreiundzwanzig Jahre später noch immer nicht losgelassen haben.